Samstag, 5. April 2014

Die Simple Minds in Olsberg

Nach uns wird es nur noch kälter


Ein Hymne auf eine tolle Generation


Es ist nicht schön zu sehen, wie Jugend-Helden alt werden. Denn das zeigt einem nur, dass man selbst alt wird. Außerdem haben Helden per se auf immer jung zu bleiben. Sei's drum. Jim Kerr, 54, Sänger der schottischen Rockband Simple Minds, ist so ein alternder Held. Früher, in den 1980er Jahren, füllte seine Band mit Songs wie Don’t You oder Sanctify Yourself ganze Fußballstadien. Doch das ist lange her. Heute treten die Simple Minds sogar in Schützenhallen auf. So wie kürzlich in meinem Geburtsort Olsberg im tiefsten Hochsauerland. 

Jim Kerr in Aktion
Man muss sich das vorstellen: Die Simple Minds, einst Halbgötter der Musikszene, im westfälischen Olsberg, einem Städtchen, das ohne Eingemeindungen nur rund 4000 Einwohner zählt, und in einer Halle, wo sonst hauptsächlich kleine Coverbands auftreten und einmal im Jahr mit viel Bier und Blasmusik Schützenfest gefeiert wird! 

Rund 2000 Menschen wollten sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen. Auch ich nicht! Und Jim Kerr, das muss man zugeben, gab sein Bestes, um uns nicht zu enttäuschen. Sang und spielte mit seiner Band die alten Hits, machte die alten Gesten, rannte von einer Bühnenseite zur anderen, suchte den Kontakt zum Publikum. Ein Vollprofi, der sein Programm abspult. 


Vorwärts in die Vergangenheit


Trotzdem: Der Jim Kerr von heute ist nicht mehr der Jim Kerr der 1980er. Seine Stimme hat das große Pathos verloren, klingt manchmal viel zu tief, mitunter auch falsch. Es fehlt auch die Freude, das Innovative und Frische der Erfolgsjahre. Doch ist das ein Wunder nach über 30 Jahren? Und ist das schlimm? Ich finde nicht. Im Gegenteil: Der Auftritt von Jim Kerr und den Simple Minds in Olsberg hat mich tief bewegt. Warum? Weil sich hier ein Held meiner Generation mühte, die Vergangenheit ins Jetzt zurückzuholen. Mit Schwächen, vielleicht auch mit Kalkül, aber mit Stolz und ohne sich ihrer zu schämen. Angefeuert und gefeiert von lauter Mitt- und Endvierzigern. Und so wurde das Konzert in Olsberg für mich ganz persönlich zu einer Hymne auf eine tolle Generation, meine Generation, der in den 1960er Jahren Geborenen und in den 1970er und 1980er Jahren Aufgewachsenen.


Wir hatten noch keine Handys

Sterben wie Jim Morrison


Wir hatten noch keine Computer und keine Smartphones und trotzdem klappten unsere Verabredungen. Wir wollten leben wie der Mann in den Bergen. Wir fuhren Mofa und banden uns gegen den Fahrtwind Batiktücher vors Gesicht. Wir spielten in der Jugenddisko Flaschendrehen um den ersten Kuss. Wir tranken Bier in Bushaltestellen und mixten uns Cola-Korn noch selbst. Wir demonstrierten gegen den Nato-Doppelbeschluss und die kalten Krieger Schmidt und Strauß. Wir träumten von einem eigenen Bonanza-Fahrrad und Turnschuhen von adidas. Wir drehten Javaanse-Jongens-Zigaretten und haschten Schwarzen Afghanen. Wir hörten Konstantin Wecker und grölten auf BAP-Konzerten Verdammt lang her. Wir trugen weite Hosen und Lederjacken mit Anti-Atomkraft-Buttons. Wir verweigerten den Wehr- und machten Zivildienst. Wir lasen Hesse und Hemingway. Wir spielten Gitarre an Lagerfeuern und diskutierten über Bhagwan und Gott. Wir bewunderten Jim Morrison und wollten auch mit 27 sterben.

Kein Grund zum Schämen


Und heute? Einige von uns sind wirklich schon gestorben. Doch das sind zum Glück Ausnahmen. Die meisten von uns stehen mitten in der Mitte ihres Lebens. Zeit zum Innehalten. Was ist aus uns geworden? Sind wir glücklich oder unglücklich? Schwer zu sagen. Wir haben uns angepasst und arrangiert und versuchen irgendwie, das Feuer nicht ausgehen zu lassen. Doch unsere Zeit läuft langsam ab, das ist klar. Wir sind die letzte Generation vor Beginn des digitalen Zeitalters. Nach uns wird es nur noch kälter werden. Genießen wir also das Jetzt und seien wir stolz auf uns. Wir haben keinen Grund uns zu schämen. Zum großen Stadionkonzert reicht es vielleicht nicht mehr, aber in Schützenhallen da können wir immer noch super abfeiern.

Sonntag, 1. Dezember 2013

Buchse voll, woll

Wörter als ein Stück Heimat

Auch Wörter können ein Stück Heimat sein. Einer, der das erkannt und daraus eine clevere Geschäftsidee entwickelt hat, ist der Woll-Verlag aus Schmallenberg im Sauerland. Über seine Homepage vertreibt dieser schon seit längerem mit großem Erfolg "Wörter-Poster" mit typischen Sauerländer Begriffen – von "Klümpkes" über "Hömma!" bis "Buchse". Im Mittelpunkt: das Wörtchen WOLL. Dieses steht wie kein anderes für den im Sauerland gesprochenen Dialekt und wird dort fast an jeden Satz angehängt. Ähnlich dem "Gell" im Hessischen oder der Floskel "isn’t it?" im Englischen.
Wörter-Poster gibt es mittlerweile übrigens auch schon für andere Regionen, so etwa für Köln (fiese Möpp) oder den Ruhrpott (Bütterken). Es ist eine Freude, diese Ausdrücke zu lesen, besonders wenn man aus dem jeweiligen Landstrich stammt. So wie ich aus dem Sauerland, woll.

Poster mit Sauerländer Wörtern –
zu beziehen über den Online-Shop
auf der Homepage www.woll-magazin.de

Sonntag, 17. November 2013

Finnland

Interessante Begegnungen am Polarkreis

Winterliche Märchenlandschaft in Finnisch-Lappland

Wer nach Finnland reist, darf sich auf interessante Begegnungen freuen. Denn die Finnen sind, vorsichtig gesagt, etwas eigenwillig und verschroben. Doch gerade das macht sie auch so sympathisch.
Besonders hoch oben im Norden am Polarkreis in Finnisch-Lappland bei Kuusamo, wo es im Winter nur für kurze Zeit hell wird und wo der Weihnachtsmann zu Hause ist, tritt dieser eigenwillige Charakter der Menschen deutlich zutage.

Zu Besuch beim Weihnachtsmann
Wer würde hier nicht gern einkehren?
Hätten Sie zum Beispiel gedacht, dass die Finnen leidenschaftlich gern Karaoke singen gehen? Und zwar mit einer Inbrunst und Ernsthaftigkeit, die an einen katholischen Kirchenchor erinnert. Eine weitere beliebte und fanatisch betriebene Freizeitbeschäftigung ist das Tangotanzen. Ja, Sie haben richtig gelesen. Als der argentinische Modetanz Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Siegeszug durch Europa antrat und dabei auch irgendwann nach Finnland kam, entwickelte er sich dort schnell zu einer Art nationalem Volkssport. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Tango finden die eher etwas zurückhaltenden Polarlichter eine Möglichkeit, ihre Gefühle ausdrücken zu können.

Huskys brauchen viel Auslauf
Bitte einsteigen: Rentierschlittenfahrten sind ein tolles Erlebnis

Ich hab’s übrigens selbst ausprobiert, das Tangotanzen. Macht Spaß, ist aber nicht ganz leicht. Man muss sich höllisch konzentrieren, um seiner Partnerin bzw. seinem Partner nicht ständig auf die Füße zu treten. Da gefällt es mir schon besser, mit einem Hundeschlitten durch die verschneiten Märchenlandschaften Lapplands zu gleiten – gezogen von energiegeladenen und von purem Leben sprühenden Huskys (Laut Wikipedia ist ein Husky übrigens in der Lage, das Neunfache seines eigenen Körpergewichs zu ziehen). Alternativ können Sie auch wie der Weihnachtsmann in einem Rentierschlitten Platz nehmen. Allerdings muss man diese Tiere schon zu nehmen wissen. Sie sind nur halbdomestiziert und eigenwillig wie Esel.

Zu den wahrscheinlich spannendsten Begegnungen, die man in Finnisch-Lappland machen kann, gehört die mit den geheimnisvollen Nordlichtern, jenen flammenden und tanzenden Farberscheinungen am Nachthimmel. Extra wegen dieser Lichter sind sogar schon Menschen nach Finnland eingewandert. Nun gut, es gibt wahrlich schlechtere Gründe für einen Wohnortwechsel (siehe Link). Mir selbst ist eine Begegnung mit diesem einzigartigen Naturphänomen leider verwehrt geblieben, so sehr und so lange und so sehnsuchtsvoll ich nächtens auch nach oben in die Sterne gestarrt habe. So bleibt auf jeden Fall ein guter Grund, noch einmal in dieses faszinierende Land zurückzukehren…
http://www.visitfinland.com/de/artikel/auf-der-jagd-nach-den-nordlichtern/

So sieht eine Hauptstraße in Finnisch-Lappland aus






Montag, 21. Oktober 2013

Sri Lanka

Sri Lanka – ein von Buddha verlassenes Land?

Buddha-Statuen im Dambulla-Tempel. Die Mehrheit
der Bevölkerung bekennt sich zur Lehre des Erleuchteten

Nepper, Schlepper, Bauernfänger

Nepper, Schlepper und Bauernfänger gibt es sicherlich in jedem Urlaubsland. Auf der Tropeninsel Sri Lanka im Indischen Ozean scheint diese Spezies jedoch besonders weit verbreitet zu sein. Ich habe dieses Land 2013 zum ersten (und wohl auch letzten) Mal bereist und bin dabei überwiegend auf Menschen gestoßen, die nur eines im Sinn hatten – den "reichen" Urlauber aus dem Westen abzuzocken. Angefangen vom Tuk-Tuk-Fahrer, der für eine kurze Strecke 30 Euro verlangt, bis zum selbsternannten Fremdenführer, der für ein paar Erklärungen zu einer Sehenswürdigkeit 10 Dollar fordert. Wer sich auf dieses Spiel nicht einlässt, angebotene "Dienstleistungen" zurückweist oder versucht zu handeln, muss damit rechnen, angepöbelt und beschimpft zu werden. Das ach so freundliche Lächeln des Gegenübers schlägt dann blitzschnell in blanke Aggression um.
Ich weiß nicht, wie sich dieses Verhalten der Menschen erklären lässt. Vielleicht hat es etwas mit dem jahrelangen Bürgerkrieg auf der Insel zu tun, der zwischen 1983 und 2009 Zehntausende von Menschenleben forderte. Möglicherweise hat dieser Krieg die Sri Lanker so sehr verroht und entwurzelt, dass sie anderen Menschen nur noch mit Argwohn und Misstrauen begegnen können. Zugegeben, all dies sind sehr subjektive Einschätzungen. Andere Reisende mögen anderes erlebt haben. Ich kann hier jedoch nur von dem sprechen, was mir widerfahren ist. 

Wasser predigen, Wein trinken

Als ein besonders dreister Bauernfänger erwies sich der Reiseführer der kleinen Touristengruppe, mit der ich die Insel ein paar Tage lang erkundet habe. Tagsüber wurde er nicht müde, uns die Lehre Buddhas näher zu bringen. Immer wieder wies er darauf hin, wie wichtig es doch sei, körperliche und materielle Begierden zu überwinden. Wie wahr und weise! Diese Erkenntnis hinderte ihn gleichwohl nicht daran, sich abends dann, mehr oder weniger volltrunken, an eine alleinreisende Urlauberin aus unserer Gruppe heranzumachen oder uns am nächsten Tag zu einer dubiosen Ayurveda-Farm zu kutschieren, um uns dort mithilfe eines betrügerischen Komplizen völlig überteuerte und nutzlose Tinkturen anzudrehen. Alles frei nach dem Motto: Wasser predigen, Wein trinke.

Badetag für einen Arbeitselefanten. Auf Sri Lanka
leben noch mehrere tausend Wildelefanten.
Die Tiere genießen als Symbole für Kraft
und Weisheit große Verehrung

Rätselhafte Schönheiten

Es ist schade, dass es dem Reisenden so schwer gemacht wird, sich auf Sri Lanka einzulassen. Denn diese Insel hat wahrlich viel zu bieten: von Palmen gesäumte Traumstrände an einer über 1300 km langen Küste, üppige Vegetation, ein spannendes Tierleben sowie kulturelle Schätze von Weltrang. Zu den absoluten Top-Sehenswürdigkeiten gehören zweifellos das wildromantische Bergland mit seinen sattgrünen Teeplantagen sowie die berühmten Wolkenmädchen in der Felsenfestung von Sigiriya, sinnenfrohe Fresken aus dem 5. Jahrhundert. Der Anblick dieser rätselhaften Schönheiten entschädigt für so manches Negativerlebnis…

Die berühmten Wolkenmädchen von Sigiriya.
Der Aufstieg zum Gipfel der Felsenfestung, die häufig
auch von buddhistischen Mönchen besucht wird,
erfolgt über eine steile Eisenleiter (unten)

Harte Arbeit: Teepflückerin auf einer Plantage bei Nuwara Eliya